Ausstellungseröffnung am Gottfried-Keller-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg

Am 23. Juni 2015 hatte der Philosophie-Ethik-Wahlkurs des Gottfried-Keller-Gymnasiums alle 10. Klassen der Schule zur Abschlussveranstaltung der Lernwerkstatt „Vorurteile abbauen, antisemitische Ressentiments bekämpfen“ in die Aula ihrer Schule geladen. Dort sollte eine Podiumsdiskussion zu dem Workshopthema „Vorurteile und antisemitische Ressentiments“ stattfinden und eine Ausstellung eröffnet werden.

Etwa 150 Schülerinnen und Schüler waren gekommen, um die Plakate der Ausstellung zu sehen, die aus den Collagen der Workshop-Teilnehmenden gestaltet worden waren und nun für alle gut sichtbar in der Aula aushingen. Dort fanden sie bei den Mitschülerinnen und Mitschülern viel Zuspruch und Applaus. Neben der Vernissage gab es an diesem Vormittag Gelegenheit, sich an der Podiumsdiskussion über Vorurteile und Antisemitismus aktiv zu beteiligen – mit eigenen Beiträgen oder aktivem Zuhören.

Gesicht zeigen

Auftakt der anderthalbstündigen Veranstaltung war das Grußwort des Schulleiters Herrn Kreitmeyer, der seine 10. Klassen, Lehrer und Gäste herzlich empfing und die Tradition des Gymnasiums in der Auseinandersetzung mit Rassismus unterstrich. So beteiligte sich die Schule schon im Jahr davor an dem JFDA-Projekt „Bekennt Euch“ und bereitet regelmäßig das Gedenken an die vom Bahnhof Grunewald deportierten Juden vor. „Außerdem sieht sie sich in der regelmäßigen Tradition, gegen Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit Gesicht zu zeigen“, führte der Schulleiter aus.

Wider die Entmenschlichung

Ein kurzer Videofilm des JFDA e.V. zeigte anschießend aktuelle Ausschnitte von Demonstrationen im Kontext der Demonstrationen zum Gaza-Konflikt des Jahres 2014, in denen sich die Teilnehmenden antisemitischer Ausdrucksformen bedienten. Der Projektleiter des Modellprojektes Levi Salomon fasste kurz zusammen, was zuvor in den sechs Unterrichtsstunden des Workshops ausführlich erarbeitet worden war: bei Rassismus geht es um Abwertung von Menschen. Eine spezifische Abwertung ist es, Menschen zu entmenschlichen und sie mit Ratten, Tieren, Bestien, Teufeln und Vampiren gleichzusetzen, sie zu dämonisieren und zu entmenschlichen. Genau dieses Mechanismus bedient sich der Antisemitismus, und das schon seit Jahrhunderten. Jene Bilder, die im „Stürmer“ unter den Nationalsozialisten zur Darstellung von Juden verwendet wurden, tauchen heute wieder auf, zum Beispiel auf den Demonstrationen, die im Zusammenhang mit dem Gazakonflikt 2014 stehen, auf Transparenten oder in der Straßenmalerei von Kindern: der Jude als Teufel, Blutsauger, als Bestie und Gottesmörder sowie Kinderblut trinkende Fratze. Ebenfalls sah man dort, wie Davidsterne verächtlich getreten wurden. Es sind zwei ganz unterschiedliche Ebenen, machte Levi Salomon deutlich: „Die Politik Israels und den Ministerpräsidenten Netanjahu zu kritisieren, das ist völlig in Ordnung. Kritik ist wichtig! Aber was man nicht darf ist, Menschen zu entmenschlichen oder jüdische Menschen zu verteufeln. Dagegen sind wir.“

Repräsentative Besetzung des Podiums

Film und Vortrag lieferten genug Stoff für eine sich anschließende Podiumsdiskussion, die sehr rege ausfiel. Das Podium war hierfür repräsentativ besetzt, mit dem Philosophielehrer Veit Siegmund als Moderator und zwei seiner Schülerinnen aus der 10. Klasse des Wahlkurses Ethik-Philosophie. Weiterhin diskutierten auf dem Podium Levi Salomon, Projektleiter des Modellprojektes „Vorurteile abbauen – antisemitische Ressentiments bekämpfen“, sowie der emeritierte Professor für praktische Philosophie, Georg Lohmann.

Lebhafte und kontroverse, politische Diskussion

Die ersten Fragen und Statements einiger Schülerinnen und Schüler waren vor allem politischer Natur und richteten sich gegen eine als einseitig empfundene Auswahl der antisemitischen Situationen im Video, die ja vor allem auf den Gaza-Demonstrationen der letzten beiden Jahre eingefangen worden waren. So kritisierte eine Schülerin: „Es werden die Araber ein bisschen schlecht dargestellt“.

Dem hielten andere entgegen, dass es in den Videobeispielen gar nicht um Muslime oder Juden gegangen sei – und auch nicht um Völker, um Araber oder Israelis. Es sei allein um anschauliche Beispiele dafür gegangen, dass Antisemitismus sich vor allem in Entmenschlichung und Dämonisierung äußere und so wie Vorurteile in Verallgemeinerung und Ausgrenzung. So sagte eine Schülerin auf dem Podium: „Nicht der Krieg [im Nahen Osten] ist die Ursache dafür, dass Juden als Teufel und Kindermörder gezeigt werden, sondern das kommt von früher noch. Ich glaube nicht, dass jemand schon mal in echt einen Juden gesehen hat, der Kinderblut trinkt.“

Praktische Philosophie

Dem Eindruck der Einseitigkeit im Video pflichtete zunächst auch Professor Lohmann bei. Im unkommentierten Video könne der Eindruck entstehen, dass der Antisemitismus nur von arabisch-palästinensischer Seite komme. „Das ist erstens ganz falsch. Sie wissen, auch Neonazis und andere Leute haben antisemitische Aktionen gemacht. Was aber umgekehrt falsch ist und wo die Demonstranten ein Vorurteil gebrauchen, ist, dass sie in die Schrottkiste der Geschichte greifen und alle alten, stereotypen Vorurteile gegenüber Juden hervorholen“, sagte er. Er betonte die besondere historische Verantwortung Deutschlands, sich gegenüber Judenhass zu sensibilisieren, der sich auch zugewanderte Deutsche stellen müssen. Und er betone die individuelle Verantwortung jedes einzelnen Menschen. „Wenn der eine etwas falsch macht, rechtfertigt das bei aller Emotionalität nicht, dass der andere im Gegenzug auch etwas falsch macht!“

Ein Schüler schlug vor, vom Video zu abstrahieren. „Ihr konzentriert euch darauf, dass die Leute Palästinenser sind, oder Araber, und nicht darauf, dass jede Person in dem Video eine eigene Person ist. Das ist das Problem, was wir haben: dass nicht der einzelne Mensch gesehen wird.“

Eine weitere Schülerin betonte, dass man Toleranz nicht mit Ignoranz verwechseln dürfe und es wichtig sei, viel miteinander zu diskutieren. „Wirklich tolerant kann man ja nur sein, wenn man die Meinung der anderen auch verstanden hat!“ Dem pflichteten andere bei. „Man muss sich auseinandersetzen, bevor man Urteile fällt und anfängt zu reden.“

Für den Moderator war es nicht einfach gewesen, die Diskussion über die vielen ähnlichen politischen Statements hinauszuführen, denn den Schülerinnen und Schülern war sehr daran gelegen, die Kritik an der Auswahl antisemitischer Darstellungen im pro-palästinensischen Umfeld jeweils in den ganz eigenen Worten ausdrücken. So kam es zu vielen inhaltlichen Wiederholungen. Die Frage, inwieweit Erziehung bei Vorurteilen eine Rolle spielen, fand vergleichsweise wenig Widerhall.

Einander in Vielfalt begegnen

Insgesamt bemerkenswert und vorbildlich war, dass die Diskutierenden einander gut zuhörten, sich häufig aufeinander bezogen und auch gegenseitig antworteten, wodurch sich ein sehr offenes Klima in der Diskussion einstellte. Trotz unterschiedlicher Positionen mangelte es nicht an gegenseitiger Wertschätzung.
Kontroversen muss eine Demokratie aushalten. Die Diskussion zeigte, dass die Schülerinnen und Schüler des Gottfried-Keller-Gymnasiums das können. „Ihr habt den Mut gezeigt, einander nicht auszuweichen. Ihr seid euch in eurer Vielfalt begegnet,“ schloss Moderator Veit Siegmund die Veranstaltung.

Für diesen Prozess der Auseinandersetzung hat das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus mit seinem Gesamtkonzept ganz offensichtlich eine steile Vorlage geliefert.

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”