Lernwerkstatt an der Schule an der Haveldüne in Berlin-Spandau

Ein interreligiöses Team des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. besuchte im Juni 2015 die Sekundärschule „Schule an der Haveldüne“ in der Spandauer Jaczostraße. Dort waren sie zu Gast in einem Ethikkurs der 9. Klassenstufe, um mit den Schülerinnen und Schülern über Vorurteile und Antisemitismus ins Gespräch zu kommen.

Die namentliche Vorstellungsrunde eröffnete bereits eine vielschichtige Welt. Wer hätte gedacht, dass sich hinter Feyza „erfolgreich und glücklich“ verbirgt und Manthana aus dem Sanskrit kommt, wo es Rütteln, Umschütteln, Quirlen bedeutet und ein Werkzeug zum Entfachen des Feuers bezeichnet.

Eine Stunde lang wurden Vorurteile zusammengetragen, ausgesprochen und reflektiert. Wie entsteht ein Vorurteil? Eine Schülerin schrieb eine Definition der Linnguistik-Professorin Monika Schwarz-Friesel an die Tafel: „Vorurteile beruhen auf Verallgemeinerungen und unzulässigen Übergeneralisierungen, die sich auf einzelne Eigenschaften oder Verhaltensweisen beziehen.“
In einer spielerischen Runde wurden gängige Vorurteile eingeordnet und Ausgrenzung persönlich erlebbar gemacht. Es fühlt sich nicht gut an, wenn du von anderen nicht ernst genommen, gemieden und gemobbt wirst!

Vorurteile sind Verallgemeinerungen

„Alle Mädchen mit rosa Fingernägeln sind eingebildet.“ „Alle Politiker sind machtsüchtig und lügen.“ „Hartz-IV-Empfänger sind faul und Muslime sind Terroristen.“ Die Teilnehmenden benannten es ganz klar: wer so etwas sagt, ist voller Vorurteile. Das Gesagte beruht nicht auf eigener Erfahrung, sondern auf Gehörtem. Ein Vor-Urteil ist dem entsprechend ein vorweg genommenes Urteil, weil es an ausreichender Information fehlt. Obgleich wir wissen, was Vorurteile sind, stellt sich die Frage, warum haben wir sie manchmal trotzdem?
Die Klasse suchte nach Antworten: ein Vorurteil entsteht, wenn einzelne zugewiesene Eigenschaften und negative Einstellungen über bestimmte Menschen oder Gruppen verallgemeinert werden. „Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, weiß die eine. „Und es schafft Identifikation: in der Familie, in der Klasse, im Land“, ergänzt der andere. „Es schließt die Gruppe zusammen und grenzt nach außen hin ab. Wir sind die Guten, die anderen die Schlechten.“

Klischee, Stereotype, Vorurteile

Klischeehafte Vorstellungen sind manchmal auch nützlich, so erleichtern sie das Einordnen und helfen, sich in bestimmten Situationen rasch zu sortieren und schnell zu handeln. Gefährlich wird es, wenn aus Klischees und Stereotypen echte Vorurteile, Diskriminierung, Hass, Gewalt und Verfolgung entstehen.
Im Gegensatz zu Vorurteilen können Stereotype auch positiv gemeint sein. Auch sie entstehen durch Vereinfachung. Aber sind wirklich alle Brillenträger belesen und kommen alle schnellen Läufer aus Afrika?

Wie kommt so ein Vorurteil oder ein Stereotyp zustande?

„Manchmal ist es einfach die Bequemlichkeit“, meint eine Schülerin. „Man kennt es nicht anders oder hat es im Fernsehen gehört“, ergänzt eine zweite. Vorurteile sind oft vermittelt durch Medien und die Menschen, die uns umgeben: durch Freunde, die Eltern und unsere Geschwister. Sie sind schwer zu verändern, vor allem dann, wenn sie schon seit früher Kindheit existieren und für unseren Selbstwert eine Bedeutung haben. Schon der Physiker Albert Einstein sagte: „es ist leichter, ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil.“

Antisemitismus

„Da passiert Vieles unbewusst“, bemerkt eine Schülerin am zweiten Workshoptag bei den gemeinsamen Überlegungen zu dem, was über Juden gesagt wird. Es fällt vor allem auf, dass „Jude“ als Schimpfwort benutzt wird. Auch den Trinkspruch „Ex, oder Jude!“ kennen die Schülerinnen und Schüler. Angeblich „fette, krumme Nasen“ sollen sie haben, und das Gerücht, alle Juden seien reich, hätten die Jugendlichen auch schon einmal mitbekommen. Aber warum gebraucht man eigentlich „Jude“ scheinbar immer im negativen Zusammenhang?

Ursprung antisemitischer Ressentiments

Ihren Ursprung haben antisemitische Ressentiments in den Anfängen des Christentums. Für die neue Religion war Jesus von Nazareth der Messias, den die Juden nicht anerkannten. In der christlichen Argumentation des Mittelalters ermordeten die Juden Jesus, den Sohn Gottes. Der Vorwurf gegen die Juden lautete deshalb „Gottesmord“. Um Gott zu töten bedarf es jedoch einer höheren, übermenschlichen Wesenseigenschaft.

Dämonisierung und Entmenschlichung

Deswegen wurde behauptet, die Juden seien aus „Satans Schule“, was es Ihnen ermöglichte und sie dazu bewegte, Jesus zu ermorden. Die Dämonisierung war auch die treibende Kraft hinter den Akten der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden, sowohl im christlich geprägten Mittelalter als auch in der Moderne bis zum Nationalsozialismus. Anhand von Auszügen aus dem Tagebuch der Anne Frank arbeiteten die Schülerinnen und Schüler heraus, welche Folgen die Herrschaft der durch und durch antisemitischen Nationalsozialisten in den Niederlanden hatte. Die Aufzählung der Verbote im Alltag ließ die Jugendlichen nachfühlen, wie diese auch ihr Leben einschränken würden: Nicht mehr Fahrrad fahren, keine Haustiere mehr halten, keine Schwimmbadbesuche usw. Welche Folgen hatte das alles für jüdische Menschen wie Anne Frank und ihre Familie? Dazu schrieben die Jugendlichen in einem Arbeitsauftrag: „keine Freude mehr“, „Beginn des Elends“ oder „dass Juden Juden sind und keine Menschen“.

Beispiele für aktuellen Antisemitismus

Nach dem Sehen der Videodokumentation über aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus erkannten die Schülerinnen und Schüler das entmenschlichende, dämonisierende Element und konnten nicht nachvollziehen, wie sich so eine irrationale Vorstellung heute immer noch halten kann. „Unvorstellbar“, meint eine Schülerin, wenn sie sich in die Lage von Jüdinnen und Juden hineinversetzt, die ständig mit antisemitischen Stereotypen negativ konfrontiert werden, die das Bild des Antisemiten „vom Juden“ erschaffen.

Künstlerische Aufarbeitung

Die Teilnehmenden waren sich in ihrer Aussage einig: sie möchten keine Welt, in der Abwertung, Hass und Ausgrenzung herrscht. Mit großer Liebe zum Detail gestalteten sie ihre Ideen, Gedanken und Erfahrungen und entwickelten daraus eindrucksvolle Collagen.

Die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler zum Thema Vorurteile und Antisemitismus waren Ausgangspunkt für die Plakate einer Ausstellung, die als zentrales Element in das Gesamtkonzept des Workshops integriert ist.

Siehe auch: tbb-berlin.de/?id_news=358

 

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”