Aggressive Hetze bei Bägida-Aufmarsch

Hetze gegen Politiker, demokratische Streitkultur, Lügenpresse, die Aufforderung „Hängt die Merkel ans Brandenburger Tor“ und SA-Vergleiche. Wenn selbsternannte Patrioten heute durch deutsche Straßen ziehen, bleiben humanistische Werte auf der Strecke.

Am vergangenen Montag war der Jahrestag der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) in Dresden und an die 20.000 Anhänger dieser menschenverachtenden Bewegung feierten sich vor Ort. Auch in Berlin trat wie jede Woche diese rechte Szene zusammen, die  hier Bärgida heißt. Etwa 100 Aktivisten des Berliner Ablegers von Pegida versammelten sich bei anbrechender Dunkelheit und Nieselregen am Berliner Hauptbahnhof.

Es ist wie eine Sekte, die sich dort jeden Montag trifft: Anhänger von Pro-Deutschland, NPD und AfD, antisemitische Reichsbürger, Identitäre Bewegung, rechte gewaltbereite Hooligans und „Wutbürger“, die gegen alles und jeden etwas auszusetzen haben. Diesen wild zusammengewürfelten Trupp eint ein rassistisch-nationalistisches Weltbild. Und während der Trupp von vielen Seiten als „Pack“ bezeichnet wird, sagt der Trupp von sich: „Wir sind das Volk“.

Das „Volk“ war an diesem Montag nicht ganz so zahlreich und mit deutlich weniger bunten Fahnen bestückt, vermutlich weil der Rest der Kameradschaft Flagge in Dresden zeigte. Dort hatte die Darstellung eines Galgens, reserviert für die Bundeskanzlerin Angela Merkel und den SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel gerade für Gesprächsstoff gesorgt. In Köln war außerdem die zukünftige Bürgermeisterin Henriette Reker von einem rechts motivierten Täter mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt worden.

In Berlin nun nahm man Bezug auf die rechten „Heldentaten“ der letzten Woche und zeigte sich auf Krawall gebürstet. In einer Auftaktrede hetzte der Bärgida-Agitator Mario ungebremst gegen Politiker, gegen eine demokratische Kultur von Gegendemonstrantionen und natürlich gegen Medien und Lügenpresse.

So verglich er Justizminister Heiko Maas mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und wiegelte auf: „Sie Herr Maas sind der wahre Hassprediger. Sie sind ein wahrer Brandstifter. Sie sind ein Volksverhetzer!“ … „Bei solchen Politikern geht mir das Messer in der Tasche auf!“
Wie in den Wochen zuvor beleidigte er außerdem die zahlreichen Gegendemonstranten mit der Behauptung, dass diese „die rote SA“ und „die neue deutsche Hitlerjugend“ seien.

Auch gegen den Bundespräsidenten Joachim Gauck stachelte Mario auf. Ein Teilnehmer des Aufmarsches rief „Der Galgen ist schon reserviert!“ Den menschenverachtenden Spruch quittierte Mario mit einem „Daumen hoch“.

Später fuhr der aufgewiegelte Trupp unter Polizeischutz mit der S-Bahn zu den beiden Restaurants am Bahnhof Friedrichstraße, wo sich, wie Mario herbeifantasierte, gewisse Medienvertreter abends ihre Lügengeschichten ausdenken. Dort kam es zu lautstarken Protesten durch Gäste und linke Gegendemonstranten. Die meisten menschenfeindlichen, rassistischen Äußerungen der Reden gingen im Chor aus Trillerpfeifen, Buh-Rufen und quietschenden S-Bahn-Geräuschen unter.

Anschließend zog der gespenstisch-dunkle Zug unter starkem Polizeischutz durch Berlin Mitte: Friedrichstraße, Torstraße, Hackescher Markt. Ein Lautsprecherwagen dröhnte dumpfe Lieder in leere Straßen. „Wir sind das Volk“ und „Hurra, Hurra, Bärgida“ redete sich der Trupp in Sprechchören das Leben schön. Gemeinsam wurde „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen und „von der Maas bis an die Memel …“ ein Land herbei halluziniert, was niemals mehr sein wird.

Aus den Kneipen links und rechts des düsteren Zuges strömten die Menschen auf die Straße und reagierten sehr spontan: „Scheiß rechtes Pack. Haut ab hier!“ Bärgida-Aktivisten konterten von der Spitze des Zuges „Hängt die Merkel ans Brandenburger Tor“.

Bei solchen mittelalterlichen Lynchforderungen, Hetze und Beleidigungen bleiben Werte, für die unsere Gesellschaft 2015 steht und die wir unseren neuen Mitbürgern vermitteln wollen und müssen, auf der Strecke.

Video: Menschenverachtender Hass bei Bärgida Aufmarsch in Berlin (19.10.2015)

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

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Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

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Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

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Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

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Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

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Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

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Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

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Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”