Lernwerkstatt in Halle am 13.04.2016

DIE INTEGRIERTE GESAMTSCHULE IN HALLE UND UNSER INTERREGLIGIÖSES TEAM

Im Rahmen unseres Schulprojektes „Vorurteile abbauen – antisemitische Ressentiments bekämpfen“ haben wir am 13. April 2016 die Integrierte Ge­samtschule in Halle besucht. Bereits aus  einem Vorgespräch mit dem zu­ständigen Lehrer, Herrn Lauterbach, waren wir über die vielfältigen Akti­vitäten des Schulkollegiums und der Schüler und Schülerinnen auch im sozialen und politischen Bereich informiert.

So konnten sich anlässlich der Land­tagswahlen in Sachsen-Anhalt Schüler und Schülerinnen ab der 8. Klasse im März 2016 bei einer JUNIORWAHL die eigene Stimme abgeben. Bei einer Wahlbeteiligung von 34% lag die AfD, mit immerhin 12% an vierter Stelle hinter den Grünen, der SPD und den Linken und knapp vor der CDU. Wenn man die Stim­men für die NPD und Die Rechte mit jeweils 3% mit den 12% für die AfD addiert, dann hat fast jeder fünfte Schüler eine entsprechende Stimme abgegeben.

Einige Lehrer haben zusammen mit ihren Schülern und Schülerinnen auch in jüngster Zeit im Rahmen so engagierter Schulprojekte wie „Zeuge werden“ und „Gegen das Verges

Schulgebäude

Foto: Dguendel, CC BY 3.0

sen“ Studienfahrten in das ehemalige KZ Dora Mittelbau (zusammen mit dänischen Schülern), nach Buchenwald und in das ehemalige KZ Auschwitz unternommen. Die jüdischen Kul­turtage in Halle gaben die Möglichkeit, die Synagoge in der Humboldstrasse mit dem an­grenzenden Friedhof zu besuchen. Es sollte nicht vergessen werden, dass es die Opfer nicht nur woanders gab, sie waren auch einst Schüler der eigenen Schule.

 

Unser interreligiöses Team  –  bestehend aus Levi Salomon als Sprecher des Jüdischen Forums, Ilker Dyan als Vertreter des Islam und Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Bran­denburg und Peter-M. Utasch als ev. Pfarrer  – wurde an diesem Tag noch unterstützt von Charlotte Struck, unserer Bildungsreferentin.

 

BEGRÜSSUNG UND VORSTELLUNG MIT VORNAMEN

Für unsern Workshop hatten sich 13 Mädchen und 16 Jungen der 11. Klassenstufe  aus den Kursen Sozialkunde und Evangelische Religion angemeldet. Levi Salomon verband die Be­grüßung der Schüler und Schülerinnen mit einem Vorausblick auf den Ablauf unseres mehrteiligen Programms über drei mal 90 Minuten.

Zu Beginn stellte sich unser Team vor, und wir lenkten die Aufmerksamkeit auf die Vorna­men jedes einzelnen. Unter reger Beteiligung auch der anwesenden Lehrer für Sozialkunde und Evangelische Religion sowie der stellvertretenden Schulleiterin erzählten nun Erwach­sene und Jugendliche von der Bedeutung ihres jeweiligen Vornamens und stellten Mutma­ßungen an, aus welchem Grunde ihre Eltern damals gerade diesen jeweiligen Namen für ihr Kind ausgesucht hatten. Dabei kam heraus: Manche von uns tragen ihren Vornamen mit Stolz, andere brauchen Jahre, bis sie sich mit ihrem Namen identifizieren können. Wieder andere müssen ihren ursprünglichen Namen verbergen oder gar ändern, wenn sie mögli­chen Benachteiligungen z.B. aufgrund eines fremd klingenden Namens vermeiden wollen.

VORURTEILELevi Tafel

Aber nicht nur fremd klingende Namen, son­dern auch das Äußere eines Menschen, seine Kleidung, sein Verhalten, sein Beruf oder seine Hautfarbe können zu Vorurteilen füh­ren. Die Schülerinnen und Schüler waren nun aufgefordert, bekannte Vorurteile zu­sam­menzutragen, die sie in irgendwelchen Zu­sammenhängen gehört hatten. Manchen fiel es schwer, solche Vorurteile selber auszu­sprechen, weil sie sich damit auf keinen Fall identifizieren wollten. Es kam uns in diesem Teil aber darauf an, die Funktion solcher Vorurteile zu erarbeiten. Die Schüler und Schülerinnen lernten zu unterscheiden zwischen solchen Vor-Urteilen, die der eigenen Orientierung dienen und solchen, die einfach nur verletzen wollen. Meist werden dann Menschen, die als fremd oder irgendwie andersartig empfunden werden, mit negativen und abwertenden Attributen belegt.

Kreis

AUSGRENZUNG

Inzwischen war es an der Zeit, etwas Bewegung – körperlich wie mental – zuzulassen. Dafür hatten wir ein Rollenspiel mitgebracht. Dabei bilden sich Gruppen von 4 oder 5 Teilnehmern, die sich in einem festen Kreis zusammenschließen. Zuvor einigen sich die Gruppen auf einen starken Teilnehmer, der als Ausgeschlossener sich nun alle Mühe geben sollte, in die Gruppe wieder aufgenommen zu werden. Hierbei fiel es manchen Schülern und Schülerinnen sichtbar schwer, die eigenen Schulkameraden so zu behandeln, wie sie sel­ber nicht behandelt werden wollten. Ein Schü­ler mit dunkler Hautfarbe nahm zwar freiwillig die spielerische Rolle des Ausge­schlossenen an, unternahm auch ein paar Ver­suche, sich wieder zu integrieren. Als das nicht gelang, fand er sich damit ab und sagte: „Wenn die mich nicht wollen, dann komm ich auch sehr gut ohne die andern zurecht.“ Über so unterschiedliche Ver­haltensweisen und entsprechende Gefühle tauschten wir uns  anschließend in einer Gesprächsrunde aus.

HASS GEGEN JUDENTafelbild

Nach einer erholsamen Pause eröffneten wir das Thema: Alte und aktuelle Vorurteile gegen Juden. Zunächst reagierte die Gruppe eher zurückhaltend, bis ein Mädchen den vorgegebe­nen Halbsatz „Alle Juden sind …“ mit dem Wort „ … Banker“ vervollständigte. Andere Herabwürdigungen gegenüber Juden als „Halsabschneider“, „Kindermörder“ oder auch „Seuchenüberträger“ wurden an die Tafel geschrieben. Hier zeigte sich, dass einige  Schüler und Schülerinnen Kenntnisse hatten aus der Judenverfolgung der NS-Zeit. Das konnten wir entsprechend aufnehmen und im Gruppengespräch plastische Beispiele zusammentragen, wie die Verfolgung der Juden in der NS-Zeit begann und bis zur buchstäblichen Ver­nichtung vorangetrieben wurde.

Gleichzeitig fragten sich einige Schüler und Schülerinnen, ob sich nicht so was wie ein Gefühl von Unterlegenheit, Neid oder auch Angst vor „dem Anderen“ hinter dem Hass gegen Juden verbergen könnte.

Hier war es wieder Levi Salomon, der den Anwesenden deutlich machen konnte, dass gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit immer und potentiell gegen uns alle ge­richtet ist – auch dann, wenn Juden zu den ersten Opfern zählen.

RELIGIÖS URTEILENDER HASS

Mit Hilfe unserer PowerPoint-Präsentation zeigten wir nun auf, wie sich uralte gegen Juden gerichtete Stereotypen über die Jahrhunderte und Jahrtausende bis in die Gegenwart erhal­ten haben. So berufen sich Menschen, die Juden als „Gottesmörder“ bezeichnen, auf die spätere Verehrung Jesu als „Sohn Gottes“, obwohl Jesus als jüdischer Rabbiner von den Rö­mern als Aufrührer am Holzkreuz getötet wurde. Oder wer bis heute Juden in die Nähe des Teufels rücken möchte, der benutzt u. U. ein Zitat aus dem Neuen Testament (Joh.8) aller­dings sehr im Gegensatz zu wissenschaftlicher Exegese und mit der eindeutigen Absicht der Herabwürdigung. Aber auch die beispielhaften Stereotype von Juden als „Kindesmörder“ oder als „Wucherjuden“ entstammen einem Antijudaismus, der in kirchli­cher Tradition über die Jahrhunderte gewachsen ist und bis in unsere Gegenwart manchmal auch unbewusst gepflegt wird.

Schmulchen Schievelbein

Kurz die Hose, lang der Rock, Krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau, Hut nach hinten, Miene schlau – So ist Schmulchen Schievelbeiner. ( Schöner ist doch unsereiner! ) Karikatur eines Juden, in „Plisch und Plum“ von Wilhelm Busch

RASSISTISCHER ANTISEMITISMUS

VON DER NEUZEIT BIS ZUR GEGENWART

Weil Rassismus und Antisemitismus keinem zufälligen Schicksal entstammen, sondern sich aus unserer Geschichte nähren und über die Generationen einen tiefen Bodensatz gebildet haben, erzählen wir den Schülern und Schülerinnen auch von der starken Ausbreitung des „modernen“ Antise­mitismus seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts. Wilhelm Busch hat als beliebter  deutscher Autor von Kinderbüchern ganze Generationen bis in die Gegen­wart auch mit seinen rassistischen und antisemitischen Aus­fällen geprägt.

An all den Beispielen aus der Geschichte konnten die Schüler und Schülerinnen Zusammenhänge zu unserer Gegenwart erkennen. So ist die Schmähschrift  „Protokolle der Weisen von Zion“ längst als Fälschung des russisch-zaristischen Geheimdienstes aus dem Jahre 1903 entlarvt. Dennoch wird die uralte Fälschung bis heute als Beleg für eine Verschwörung mächtiger Juden, die sich der Welt der nichtjüdischen „guten“ Menschen bemächtigen wollen, verbrei­tet – vor allem und bis heute in der arabischen Welt.

Die Jugendlichen reagierten geradezu erschüttert, als sie erkennen konnten, wie unrealistisch und gleichzeitig herabwürdigend solche Darstellungen bis in die Gegenwart ihre Wirkung entfalten.

Das Video von einer Demonstration in Berlin aus Anlass des Krieges in Gaza im Jahr 2014 erschreckte die Schüler und Schüle­rinnen, weil Transparente auf Berliner Straßen zu sehen waren mit denselben antisemitischen Stereotypen, die sie  bisher nur mit dem europäischen Mittelalter in Verbindung brachten.

SchüGeRa

Auf dem Plakat ein eigener Slogan: „SCHÜ-GE-RA“ bedeutet: „SCHÜLER GEGEN RASSISMUS“

PLAKATGESTALTUNG

In den bisherigen Teilen un­seres Workshops waren die Jugendlichen mit so vielen Aspekten zu den Themen Rassismus und Antisemitis­mus konfrontiert worden, dass sie sich auch mental stark beeindruckt zeigten. Nun war es an der Zeit, die zahlreichen Eindrü­cke in Form von selbst ges­talteten Plakaten künstlerisch aufzu­arbeiten. Die Jugendli­chen setzten sich in neun Kleingruppen mit je drei bis vier Teilneh­mern zusammen, überlegten, dis­kutierten und schufen end­lich fünf Plakate zum Thema Rassismus und vier weitere gegen Antisemitismus.

Auch Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie ließen die Schüler und Schüle­rinnen nicht aus. Am Ende des Workshops konnten die einzelnen Gruppen ihre individuell gestalteten Plakate mit einigem Stolz allen anderen präsentieren und erhielten überzeugen­den Beifall.

DAS OBLIGATORISCHE NACHGESPRÄCH

Im Anschluss an den gemeinsamen Tag teilten die Mitglieder unseres Teams mit dem be­gleitenden Lehrer, Herrn Lauterbach, ihre Eindrücke und verabredeten das weitere Vorge­hen. Zunächst werden die Schülerplakate mit notwendigen Zusatzinformationen versehen und künstlerisch aufgearbeitet, bis sie im großen Format DIN-A0 gedruckt werden können.

Anfang Mai werden dann die Plakate in einer Ausstellung der Schule vor bis zu 80 weiteren Schüler und Schülerinnen von den beteiligten Jugendlichen im Beisein der Lehrerschaft und anwesenden Honoratioren präsentiert und diskutiert.

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”