[VIDEO] Rassismus und Antisemitismus erklärt: Interview mit Dr. habil. Klaus Holz

Im Rahmen des JFDA-Projekts „Vorurteile abbauen, antisemitische Ressentiments bekämpfen“ führte das Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus im vergangenen Jahr mehrere Interviews mit Expertinnen und Experten durch, die, vor ihrem jeweiligen fachlichen Hintergrund, Fragen zu den Wurzeln der Judenfeindschaft und den aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus beantworteten.

Im diesem zweiten Interview, dass Aaron mit Dr. habil. Klaus Holz im vergangenen Jahr führte, geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Rassismus und Antisemitismus.

Der Soziologe Dr. habil. Klaus Holz wurde 2014 in den „Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung im Benehmen mit den Fraktionen des Deutschen Bundestages“ berufen. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind die Antisemitismusforschung sowie die Sozial- und kulturwissenschaftlichen Theorien.

Rassismus definiert erfolgendermaßen:

„Rassismus ist eine menschenfeindliche Ideologie und Praxis, in der große Menschengruppen unterschieden werden, z.B. nach einer angeblichen Hautfarbe, Schädelform, Genom o.ä. Im Rassismus wird behauptete, dass aufgrund irgendwelcher Merkmale in der Biologie der Menschen diese Gruppen grundsätzlich unterschiedlich sind und damit eine hierarchische Wertung verbunden ist. Damit ist der Machtanspruch verbunden, dass typischerweise die weiße, arische „Rasse“ die überlegene ist, die deshalb zurecht alle anderen unterjochen darf und muss. Dieser Rassismus ist in seiner Entstehungsgeschichte wesentlich nicht mit dem Antisemitismus verknüpft, das ist eine spätere Geschichte.“

Dabei betont Holz den historischen wie machtpolitischen Kontext, in dem Rassismus sich entwickelt hat. In der Zeit der Kolonialisierung, so veranschaulicht er, sahen sich jene Gesellschaften, die sich andere Teile der Welt zu eignen machen wollten, damit konfrontiert, die Unterwerfung anderer Menschen bzw. Menschengruppen, ideologisch Einbetten zu müssen.

„Das heißt, indem man sagt, dass diese „anderen“ Menschen, die man als dunkel oder schwarz beschreibt, sind minderwertig. Damit spricht man ihnen das Recht auf ihr Land, Besitz, eigene Politik vollkommen ab und rechtfertigt damit die Kolonialmacht. Ideologisch sagt man dazu, dass diese Gruppen aufgrund ihres Wesens unveränderbar so sind. Also schwächer, kulturell unterentwickelt, minderwertig.“

Beim Antisemitismus hingegen, verhalte es sich grundlegend anders und zwar nicht erst seit dem Nationalsozialismus. Bei diesem handele es sich lediglich um eine besondere Form der Zuspitzung des modernen Judenhasses, die im Prinzip in die Tat umgesetzt habe, was schon zuvor Teil des gesellschaftlichen Diskurses gewesen sei.

„Aber um den zentralen Punkt zu nehmen, dass was die Nazis dann tatsächlich mit dem Holocaust wollen, nämlich alle Juden zu töten, alle töten zu wollen, alle die sie konnten, auch getötet zu haben, ist eine Vorstellung, die es schon deutlich vor dem Nationalsozialismus gibt und auch außerhalb des rassistischen Antisemitismus. Es gab nicht-rassistische Antisemiten, die auch dachten, dass eine „Endlösung der Judenfrage“ nötig und die einzige Option sei. Insofern ist der Nationalsozialismus einerseits eine völlige Zuspitzung und darin, also in der Radikalität seiner Praxis auch einzigartig. Andererseits lässt er sich nicht von dem Gesamtfeld des Antisemitismus einfach kategorial unterscheiden, als wäre da etwas ganz neues in die Welt gekommen. Das betrifft nicht nur christliche sondern auch säkulare Autoren, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts schon darüber nachdenken, wie denn die „Judenfrage“ zu lösen sei und die eigentlich keine andere Vorstellung übrig lassen, als dass „der Jude“ verschwinden muss. Die sagen nicht, wie das gehen soll, aber die Vorstellung ist: eigentlich gibt es kein Existenzrecht für Juden.“

In diesem unbedingten Willen zur Vernichtung aller Jüdinnen und Juden liegt, so Holz, die Besonderheit des modernen Antisemitismus. Denn sein Gegenstand, also „der Jude“ als konstruiertes Stereotyp, wird als übermächtiger Gegner, als weltumfassende Bedrohung imaginiert.

„„Der Jude“ will die ganze Welt beherrschen, würde sich die Welt Untertan machen und seine Gesetze, sein Verhalten durchsetzen und damit alle Völker ruinieren, indem er alle Unterschiede, alles, was uns wichtig ist, zerstören. „Der Jude“ wird vorgestellt im Antisemitismus des 20. Jahrhunderts als DER große Antagonist.“

Das JFDA-Projekt „Vorurteile abbauen, antisemitische Ressentiments bekämpfen“ wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen im Rahmen des „Landesprogramm Demokratie, Vielfalt, Respekt in Berlin“, der F.C.Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz sowie der Harold-Bob-Stiftung.

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”