Bericht, Carl-Legien-Schule (OSZ), Neukölln, 26.5.2016

Als berufsbildende Schule arbeitet die Carl-Legien-Schule, nahe der Hermannstrasse in Neukölln, mit einem sozialpädagogischen Konzept. Das schließt individuelle Hilfe und Unterstützung ein. Im Mittelpunkt stehen Beratung und konkrete Hilfsangebote für benachteiligte Jugendliche zur Überwindung von Problem-, Konflikt- und Krisensituationen sowie die Unterstützung in sozialen Notlagen.

In einem ausführlichen Vorgespräch mit der zuständigen Lehrerin, Frau Hinkel und drei Schülern wurde unsere Lernwerkstatt vorgestellt So erhielten wir bereits Wochen vor unserem Einsatz einen Eindruck von den besonders förderbedürftigen Schüler_innen. Wir hatten uns auf junge Menschen einzustellen, die einen zweijährigen Lehrgang für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf durchlaufen, weil sie in einem (sonst üblichen) einjährigen BQL-Lehrgang nicht ausreichend gefördert werden könnten.image001
Für die Durchführung unserer Lernwerkstatt war der 26. Mai 2016 vereinbart. Angemeldet waren 15 Schüler_innen, von denen immerhin 10 erschienen. Ein Mädchen ohne Migrationshintergrund äußerte mit drastischen Worten ihren Unwillen, an unserer Lernwerkstatt teilzunehmen und verließ später den Raum.
Unser inter-kulturelles Team – mit Levi Salomon als Sprecher des Jüdischen Forums,  Ilker Duyan als muslimischer Vertreter des Türkischen Bundes Berlin Brandenburg und Peter-M. Utasch als evangelischer Pfarrer – war diesmal verstärkt durch Grischa Stanjek, Mitarbeiter im Jüdischen Forum, und Samira* als Gast mit muslimisch-iranischer Herkunft.
Nach einer Einführung in unser Thema „Vorurteile abbauen – Antisemitismus bekämpfen“ luden wir die Jugendlichen zu einer äußerst image004lebendigen und interessanten Vorstellungsrunde ein. Erwachsene wie Jugendliche nannten ihren jeweiligen Vornamen und erläuterten, warum ihre Eltern wohl gerade diesen Vornamen gewählt hatten. Da die meisten Schüler aus muslimisch-arabischen und muslimisch-türkischen, auch kurdischen Ländern stammen, waren wir froh darüber, dass wir gleich zwei muslimische Gesprächspartner (Ilker als Sunit und Samira als Schiitin) zu bieten hatten, zu denen die Schüler ihre besondere Nähe zum Ausdruck brachten. So wurde auch die Nennung der meist muslimischen Namen für die nichtmuslimischen Teilnehmer zu einem überaus interessanten Mini-Seminar in Sachen muslimischer Kultur und Geschichte.
So trägt ein eher schüchtern auftretender Schüler die Vornamen Fatih und Mehmed, benannt nach Fatih Sultan Mehmed, dem Eroberer Konstantinopels von 1453. Dagegen trägt ein Mädchen aus einer schiitisch-libanesischen Familie den Namen Karolin, was nicht verwundert, weil man erfahren konnte, dass der Libanon nach dem 1. Weltkrieg unter französischem Mandat auch französischen Einflüssen unterlag.
Nicht nur dieses Mädchen suchte immer wieder Kontakt zu Samira, der einzigen jüngeren Frau in unserm Team, die ebenfalls als Schiitin aufgewachsen ist. Samira sagte bei ihrer eigenen Vorstellung, dass sie aus Teheran stammend in mehreren Ländern Asiens, Europas und den USA gelebt hat und sich einen Vergleich in sozial- und kulturpolitischer Hinsicht zutraut. Sie kennt kein weiteres Land als Deutschland, wo Menschen so ungehindert nach Religion, Geschlecht, Herkunft und Aussehen leben können. Sie sei glücklich, in einem Land leben zu dürfen, wo man einfach so leben könne, wie man möchte.
Beim Thema Vorurteile kamen sehr schnell Gespräche über Ausländer und Flüchtlinge auf. Ein Mädchen mit arabischer Herkunft störte sich an abfälligen Vorurteilen über Ausländer, weil sie ja selbst eine Ausländerin sei. Auf Nachfrage nach ihrem Geburtsort, kam sie zunächst ins Grübeln und rief dann laut und freudig aus: „Ich bin eine Berlinerin!“ Sehr belastende Vorurteile wurden gegenüber „Flüchtlingen“ genannt. Sie seien reich, faul, betrügerisch und sollten „nach Hause fahren“. Ein Mädchen fügte als Verstärkung hinzu: „… hat meine Mutter gesagt.“
Als Team haben wir nach vielzähligen Schulbesuchen noch nie so unverhohlen geäußerten Antisemitismus unter Schülern erlebt. Als erstes Vorurteil gegenüber Juden wurde spontan „Kindermörder“ genannt. Ein nichtmuslimischer Schüler fragte: „Woher weißt du denn das!“ Die Antwort: „Das ist einfach so!“ und auf Arabisch ein Wort das auf Deutsch „das ist die Wahrheit“ heißt.image007
Levi Salomon begegnete vor der Schule einer Schülergruppe und hörte das Wort Jude in erkennbar verächtlichem Ton.
image010 An dieser Stelle mischte sich Ilker als türkisch-muslimischer Partner ein und fragte nach, was denn die Schüler überhaupt wüssten über den Konflikt zwischen Israel und den Arabern. Er verwies auf kriegerische Auseinandersetzungen von beiden Seiten und ging dann auf die mannigfaltigen Konflikte unter muslimischen Staaten und Völkern ein. Er äußerte, dass historische Kenntnisse gegen ungeprüfte Vorurteile helfen könnten.
Mehrmals wurde der Zusammenhang zwischen Judenfeindschaft und Muslimfeindschaft aufgezeigt. Hier waren die Schüler sehr aufmerksam. Auch bei den Erinnerungen an die Judenfeindschaft und Vernichtung während der Nazizeit wurden viele Jugendliche nachdenklich.
Unser zweiter Teil der Lernwerkstatt geht auf judenfeindliche Stereotype ein, wie sie seit Jahrtausenden zunächst von christlich-kirchlicher Seite gepflegt wurden und schließlich seit Mitte des 19. Jahrhunderts im säkularen und rassistischen Antisemitismus gipfelten. Die angesprochenen Themen wurden von PowerPoint-Präsentationen und kurzen Video-Clips unterstützt. Hier zeigte sich aber, dass wir die Aufnahmefähigkeit der Jugendlichen überschätzt hatten. Inhaltliche Kürzungen mit anschließendem Gruppengespräch wären leichter angenommen worden.
Einen nachhaltigen Eindruck allerdings schien die Darstellung der gemeinsamen Geschichte von Juden, Christen und Muslimen gemacht zu haben. Hier traten die Teammitglieder aus den drei Religionen in einen Trialog und stellten die Verbindungen zwischen Abraham und Mose aus der Hebräischen Bibel, Jesus aus dem Neuen Testament und dem Propheten Mohammed aus dem Koran heraus.
Gerne beteiligten sich die Schüler an der Herstellung der Collagen. Es machte ihnen Freude, jetzt  keine neuen Informationen mehr aufnehmen zu müssen und stattdessen selber aktiv werden zu können. In vier Gruppen wurden vier Plakate hergestellt. Zum Thema Antisemitismus image011arbeiteten lediglich zwei Mädchen, während alle anderen sich der Thematik Rassismus zuwandten. Ein Plakat wurde von einem Jungen ohne Migrationshintergrund zusammen mit einem türkischen Jugendlichen zusammengestellt. Sie hatten zwei Fotos ausgewählt: der deutsche Jugendliche ein Bild auf dem Menschen gegen Homophobie demonstrieren und ein anderes, auf dem ein deutscher Soldat sich Kindern zuwendet, die offensichtlich aus fernen Ländern stammen. Der türkische Jugendliche war davon so beeindruckt, dass er sagte: „Der Soldat hat Respekt vor anderen, er will nur helfen.“ Und dann fügte derselbe Jugendliche hinzu: „Da geht mir das Herz auf.“

*Name von der Redaktion geändert

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”