„HOFFENTLICH SIND WIR NICHT DIE NÄCHSTEN!“

Lernwerkstatt „Vorurteile abbauen – antisemitische Ressentiments bekämpfen“ im Nov. 2016

Das ausführliche Orientierungs-Gespräch mit beteiligten Lehrer_innen rechtzeitig vor Beginn der Lernwerkstatt ist für die Arbeit unseres Teams eine ebenso unverzichtbare Voraussetzung wie die Selbstdarstellung der jeweiligen Schule. So heißt es im Leitbild der Wilmersdorfer Nelson-Mandela-Schule:

„Wir sind eine internationale Schule, deren Schüler und Lehrer aus zahlreichen Ländern kommen. Wir empfinden die Vielfalt verschiedener Kulturen, Nationalitäten, Religionen, Mentalitäten, Sitten und Sprachen als Bereicherung. In der aktiven Auseinandersetzung miteinander lernen wir die Unterschiede kennen, akzeptieren und respektieren.“

_mg_4018Auch und gerade an dieser Schule mit Schüler_innen aus aller Herren Länder, die oft selber schon auf jahrelange Aufenthalte in verschiedenen Kulturen zurückblicken, bewährte sich unser Start mit der gegenseitigen Nennung unserer Vornamen. Die meisten der hier genannten Namen entstammen biblischen oder zumindest kirchlichen Traditionen allerdings in unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Färbung. Die Schüler tauschten sich über nationale und kulturelle Prägungen der jeweiligen Familien aus. Eine bunte Vielfalt so vieler unterschiedlicher Menschen, die unser Leben bereichern. Entsprechend aufgestellt war auch unser inter-kulturelles Team mit Levi Salomon als Sprecher des Jüdischen Forums, Ilker Duyan als muslimischer Vertreter und Vorstand des Türkischen Bundes sowie Peter-M. Utasch als evangelischer Pfarrer.

Zum Thema Vorurteile wählten wir eine andere Methode als sonst. Nach einer kurzen Einführung wurden Zettel verteilt, auf die die Jugendlichen eigene Vorurteile schreiben sollten oder solche, die sie von anderen Menschen nur gehört hatten. Das Auswertungsgespräch brachte nun eine Vielzahl von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen zu Tage. So erzählte ein Mädchen, wie sie während einer Reise nach Bukarest als kriminelle Zigeunerin diffamiert wurde, weil sie als Rumänin eingeordnet wurde. Ein anderes Mädchen wusste zu berichten, dass in Kenia äußere Merkmale von Personen viel seltener zu negativen Bewertungen führen würden. Besonders interessant wurden die reflektierten und differenzierenden Beobachtungen der Jugendlichen, als sie darüber sprachen, wie solche bewertenden Zuschreibungen entstehen können, wie sie empfunden werden und welche Folgen sie haben.

Anschließend vertieften drei in Gruppen entwickelte Rollenspiele das vorausgegangene Gespräch. Die Schüler_innen spielten eigene Ausgrenzungs-Erfahrungen in der Familie, der Schule und der Freizeit. Im Nachgang reflektierten die Jugendlichen die gegenseitige Beeinflussung und auch Abhängigkeit im jeweiligen Umfeld.

_mg_4027Am zweiten Tag unseres Workshops besuchte uns ein Gast in auffälliger schwarzer Kleidung mit einem ungewöhnlichen schwarzen Hut auf dem Kopf. Als evangelischer Theologe übersetzt und veröffentlicht er die Bücher der hebräischen Bibel und ist ein ausgewiesener Experte in den Fachgebieten Hebraistik, Judaistik und Orientalistik. Den Schülern erzählte er aber von seinen Erlebnissen auf seinen Vortrags-Reisen innerhalb Deutschlands und in vielen anderen Ländern. Während sein Äußeres in Staaten wie den USA oder Großbritannien kaum Reaktionen hervorruft, wird er wie in Frankreich so auch in Deutschland immer wieder als orthodoxer Jude angesprochen und bedroht. Ihm begegnen aber auch Menschen, die halten ihn für einen christlichen Geistlichen. Von den einen wird er positiv bewertet und hoch geachtet, von anderen dagegen beleidigt, ohne dass er sein Äußeres verändert. Das gab zu denken!

Besonders interessiert zeigten sich die Jugendlichen an der Darstellung judenfeindlicher Stereotype. Das hätten sie, wie sie uns erzählten, so nicht erwartet. Es sind seit Jahrhunderten immer die gleichen wiederkehrenden Feindbilder, wie sie sich vor allem im christlichen Umfeld seit Jahrhunderten entwickelt und unverändert bis in die Gegenwart erhalten haben. Auf Entsetzen stießen Fotos von Demonstrationen, auf denen heute Muslime und deutsche Rechtspopulisten auf Strassen und Plätzen in Deutschland Transparente zeigten, auf denen Juden als Teufel oder Kindermörder dargestellt wurden.

Sehr gerne stellte das Team seine PowerPoint-Präsentationen der aktiv beteiligten und sehr engagierten Lehrerin Frau Barry zur Verfügung. Wir erleben es nicht so häufig, dass Lehrer_innen unseren Workshop kritisch begleiten, in den eigenen Lernstoff integrieren und nachhaltig daran weiterarbeiten.

Als vorläufiges Lernergebnis unseres Workshops gestalteten die Schüler_innen eigene Plakate zu den angesprochenen Themen. Auf einem der Plakate sieht man nur zwei Kreise. Der erste Kreis hat offene Ränder. In ihm tummeln sich symbolisch dargestellte Menschen und Menschengruppen in allen möglichen Formen und in bunten Farben. Der andere Kreis erinnert an eine von Stacheldraht umschlossene Grenze. Darin sieht man zwar immer noch verschiedene Formen, aber alle tragen das gleiche Äußere, die gleiche Farbe braun. Man erkennt braune Kreise, Quadrate und Dreiecke.

_mg_4074Doch die symbolisch als Dreiecke dargestellten Menschen oder Gemeinschaften fühlen sich bereits bedroht. Denn das erkennbare Ziel in dem geschlossenen Kreis ist neben der Einfarbigkeit die noch nicht erreichte Gleichförmigkeit. Die so verständliche wie erschaudernde Ahnung der betreffenden Menschen haben die Schüler so formuliert: „HOFFENTLICH SIND WIR NICHT DIE NÄCHSTEN!“

Unterstützende
CC-by-sa-3.0 de Gerd Seidel

Roderich Kiesewetter, MdB CDU

"Antisemitismus ist Ausdruck einer rückständigen Kultur und inhumanen Denkweise. Ebenso wie zahlreiche weitere Ausformungen des Rassismus darf auch er keinen Platz in unserem Alltag finden. Antisemitismus ist nicht mit unserer ...

Foto: (CC) Stephan Roehl

Volker Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen

“Es ist deshalb demokratische Pflicht, jedem Erscheinen von Antisemitismus entschlossen entgegen zu treten.”

Foto: © Gitta Connemann (CDU-Fraktion)

Gitta Connemann, MdB CDU / Fraktionsvize

“Wer der Demokratie dient, bekämpft Antisemitismus.“

Foto: (CC) Gegenbauer Holding SE & Co. KG

Werner Gegenbauer, Präsident Hertha BSC

“Es ist und wird Hertha BSC immer ein Anliegen sein, gegen Diskriminierung jeder Art einzutreten! Denn Toleranz, Fairness, Respekt und Hilfsbereitschaft sind uns wichtig.”

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

“Eine tolerante und vielfältige Stadt der Vielfalt kommt nicht von selbst. Man muss sich immer wieder dafür stark machen. Mit den Mitteln des Rechtsstaates ebenso wie mit Dialog und Begegnung, ...

Foto: (CC) Petra Pau

Petra Pau, MdB DIE LINKE, Bundestags-Vizepräsidentin

“Ich schäme mich, dass das nötig ist, und ich bin dabei, weil es nötig ist.”

Foto: © Regina Schmeken, Berlin

Prof. Dr. Peter Raue, Jurist, Sammler und Kunstliebhaber

“Nur ein freiheitlicher Rechtsstaat kann Antisemitismusbekämpfung - wie jeden Kampf gegen Rassismus - zu einer tragenden Säule seiner Existenz glaubwürdig erklären.“

Foto: (CC) Patrick Gutsche

Dr. Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast Berlin

"Was ich (...) an unterschwelligem und offensichtlichem Judenhass, Stereotypen und Antizionismus gesehen, gelesen und gehört habe (...), ist beschämend und in seinen Ausdrucksformen beängstigend."

Foto: © Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Technische Universität Berlin

“Das JFDA verdient eine breite gesellschaftliche Unterstützung.”

Foto: (CC) Michael Thaidigsmann

Dr. h.c. Friede Springer, Verlegerin

“Ein großes Bündnis der Vernunft und des Anstandes ist notwendig, um dem Judenhass zu begegnen. Das JFDA kann dabei eine wichtige Stimme sein.”